HENK HELMANTEL

Interview - Hans van Seventer

Dieses Interview von Hans van Seventer mit Henk Helmantel kommt aus dem Buch "Henk Helmantel" 2000, S.19-29. Herausgegeben von ArtRevisited. Lesen Sie auch den Artikel von Diederik Kraaijpoel. 

Vorwort

"Es kam einmal eine Gruppe zu Besuch. Eine Frau sagte zu mir: 'Herr Helmantel, eigentlich kann ich dies hier nicht vertragen; es steht völlig außerhalb der Wirklichkeit. Hier wird eine Welt gezeigt, die es nicht gibt, und eigentlich ist mir das zuwider.' Wir führten ein längeres Gespräch darüber und ich sagte zu ihr, daß es vielerlei Menschen auf dieser Welt gebe, die alle ihre eigenen Aufgaben hätten. Ich sehe es als meine Aufgabe, auf meine Weise mein Handwerk auszuüben. Dies sei selbst auch wieder ein Bestandteil dieser gesamten Wirklichkeit. Was ich male, steht nicht außerhalb der Wirklichkeit, weil es ein Teil davon ist. Neben Krieg gibt es Frieden, neben Ermüdung Lebenskraft, neben Elend Freude und so weiter, Leben nach dem Tod. Ich will gleichsam die Welt der Harmonie heraufbeschwören, der Dinge, die bei den Menschen ein gutes Gefühl hervorrufen, die ihnen vielleicht auch unter schwierigen Umständen weiterhelfen.

Es ist nicht meine Absicht, eine soziale Funktion zu erfüllen, aber es stellt sich heraus, daß meine Arbeit ungewollt diese Funktion auch erfüllt. Menschen erleben hier in diesem Haus, inmitten von all dem, was nicht in Ordnung ist, eine gewisse Entspannung, sie kommen hier zur Ruhe.Wenn ich von meiner Arbeitsweise eine Art Ideologie, ein Programm machen würde, dann würde ich mich aufs Glatteis begeben.


Triebfedern

Was mich treibt? Man fragt mich manchmal, wie es doch möglich sei, daß ich es durchhalte, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wenn man zu erreichen versucht, was einem vorschwebt, dann ist das eigentlich ein derart großes Abenteuer, daß man jedesmal wieder danach zurückverlangen kann. Ich wundere mich selbst auch manchmal darüber, wie es möglich ist, daß ich beispielsweise schon zum vierten Mal denselben Topf oder dieselbe Schale oder was auch immer male und daß ich jedesmal wieder diesen gewaltigen Drang fühle, das Letzte herauszuholen und möglicherweise noch einen Schritt weiter zu gehen. Man könnte sich auch in die Kunstgeschichte vertiefen und sich fragen, weshalb Stillebenmaler im 17. Jahrhundert immer wieder von demselben Römer oder Pokal fasziniert waren. Oder man könnte sich fragen, weshalb sich der italienische Maler Morandi ein Leben lang mit ein paar Flaschen, ein paar Dosen, ein paar Krügen und anderem Kleinkram und ein paar Zettelchen abgeben konnte. Und dennoch sah er es als eine lebenslange Herausforderung und hat er damit gewaltige Höhepunkte und Abenteuer erlebt. Nicht die Diversität der Themen ist für einen Künstler also von wesentlicher Bedeutung, sondern vielmehr die Intensität, mit der er etwas erfährt, etwas visuell erlebt. In der Kunstgeschichte sind viele Maler zu nennen, die so gearbeitet haben.

Ich umgebe mich gerne mit Kunst, die ich sehr bewundere. Eine solche Sammlung bildet einen reichen Nährboden für die eigene Arbeit. Alle diese Maler widmen sich ganz der Malerei und stellen miteinander eine Musterkarte der Lösungen dar, um die sich jeder bemüht, auch im Rahmen der figurativen Tradition. Das fasziniert mich und ich finde es auch phantastisch, daß ich dies täglich erfahren kann. Ich nenne beispielsweise die beiden Zeichner - unterschätzte Künstler - Kees Stoop und Philip Kouwen. Von diesen beiden Spitzenkünstlern besitzen wir einige Zeichnungen, die ich mir täglich ansehe.


Rembrandts Lockruf

Ich wollte immer schon malen, das wußte ich schon ganz früh. 1956 war ein Rembrandtjahr und in allen Zeitschriften standen Reportagen über sein Werk und waren viele Reproduktionen abgebildet. Die sammelte ich damals ganz fleißig. Wir führten nämlich für Schulausflüge Altpapiersammlungen durch, was heute auch noch gemacht wird, und meine Aufgabe war es dann, die alten Zeitungen und Zeitschriften zu handsamen Paketen zusammenzubinden. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, alle Zeitschriften auf Reproduktionen hin durch-zusehen, und die Ernte war in jenem Rembrandtjahr sehr reich. Rembrandt hat mich immer unheimlich fasziniert. Vielleicht trägt mein Werk Spuren davon, obwohl es maltechnisch ganz anders entsteht. Das Maß, in dem ich mit Licht arbeite, ist von den von Rembrandt gefundenen Lösungen ganz entschieden inspiriert. Vergleicht man meine Arbeit mit dem Werk von Rembrandt und anderen Malern, dann glaube ich, daß meine Arbeit von der Mentalität her einem Maler wie Vermeer näher steht. Rembrandt liebte das Drama, während ich eigentlich eher nach Lösungen durch klare Kompositionen suche.


Erziehung und Ausbildung

Ich bin 1945 - kurz nach dem Ende der deutschen Besatzung -weniger als einen Kilometer von hier entfernt geboren. Meine Eltern hatten einen Gartenbaubetrieb und der machte viel Arbeit. Ich bin das dritte von fünf Kindern und wir alle wurden im Betrieb eingespannt. Viel Arbeit und geringe Verdienste waren damals nichts Ungewöhnliches. Für meine Eltern war der christliche Glaube eine treibende Kraft in ihrem Leben und das haben sie ihren Kindern auch mitgegeben. Schon früh habe ich mich ich davon leiten lassen und bis zum heutigen Tag ist es auch mein Lebensprinzip geblieben.

Meine Eltern waren anfangs über meine Entscheidung, daß ich Maler werden wollte, nicht allzu froh. Im allgemeinen dachte man damals, daß man sich mit der Malerei nur schwer sein Brot verdienen konnte. Da bildeten meine Eltern keine Ausnahme. Eltern wünschen sich, daß etwas aus ihren Kindern wird, daß sie für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen können. Aber sie haben nie versucht, mich davon abzuhalten, denn sie kannten mich gut genug um zu wissen, daß ich doch meinen eigenen Weg gehen würde. Anfang der sechziger Jahre begann ich mit meiner Ausbildung an der Kunstakademie Minerva in Groningen, kurz vor der Revolution der sechziger Jahre. Alles sollte anders werden, die Autoritäten und Regeln sollten verschwinden, die Freiheit sollte hochleben. Da ich aus einem umhegten christlichen Milieu kam, war das natürlich wie eine Feuertaufe für mich. Wenn man an Gott glaubte, war man etwas Besonderes und man mußte seine Überzeugung verteidigen oder aufgeben. Ich habe in jener Zeit viel gelernt und bin damals auch in geistlicher Hinsicht gewachsen. Ich habe noch eine ziemlich klassische Ausbildung genossen, in deren Rahmen es jedoch viel Freiraum für Experimente gab. Es gab jedoch auch Freiraum, sich in der bekannteren Tradition der Malkunst zu versuchen. Trotzdem fand man es sehr ungewöhnlich, daß ich neben Bildern im Stil des akademischen Impressionismus auch Bilder malte, die sehr realistisch waren. Ich strebte nach einem guten stofflichen Ausdruck. Diese Malweise war eigentlich ein bißchen aus der Mode gekommen und deshalb staunte man damals sehr darüber.

Übrigens denkt man jetzt über den Beruf eines bildenden Künstlers anders als in den fünfziger oder sechziger Jahren. Ein Künstler aus Groningen hat mir einmal erzählt: "Als ich mich Ende der fünfziger Jahre bei der Kunstakademie Minerva in Groningen anmelden wollte, weinte meine Mutter. Aber wenn man jetzt, in den achtziger oder neunziger Jahren, den Eltern mitteilt, daß man Künstler werden will, dann freuen sie sich. "Das ist vielleicht ein bißchen übertrieben, aber es ist schon etwas Wahres daran, das ganze Klima hat sich geändert. Das Künstlertum wird zwar immer noch mit Unsicherheit assoziiert, aber das Image eines Künstler hat sich meiner Meinung nach einigermaßen verbessert.


Geschichte

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zeichnete sich deutlich die Tendenz ab, mit der Tradition, jedenfalls mit dem Klassi-zismus, brechen und spontan auf die Wirklichkeit reagieren zu wollen. Die Impressionisten sind dafür das beste Beispiel, obwohl es auch nicht zutrifft, daß die Impressionisten von ästhetischen Regeln nichts mehr wissen wollten. Sie hatten nur dieses starke Verlangen nach einer spontanen Reaktion auf die sie umgebende Wirklichkeit. Nachdem diese Tendenz einmal in Gang gesetzt worden war, hat sie sich weiterentwickelt. Daraus sind später die vielen "-ismen" entstanden: Impressionismus, Expressionismus, Kubismus und schließlich auch die abstrakte Kunst. Die offiziellen Malerschulen des 19. Jahrhunderts waren durch akademische Regeln stark eingezwängt. Der Neo-Klassizismus erlebte seine Blütezeit und die Bewunderung für die alten Griechen und Römer war sehr groß. Alles mußte den Anforderungen der klassischen Tradition entsprechen. Es gab eine klassische Form, wie Landschaften, Porträts und Themen im Rahmen der Historienmalerei gemalt werden sollten, und diese klassische Form wurde als eine Art Ideal betrachtet. Kein Wunder, daß die Reaktion darauf so stark war.

Da ich im Jahre 1945 geboren bin, konnte ich dieser Entwicklung wenig hinzufügen. Welche Grenzen hätte ich noch verrücken können? Was muß ein Maler nach Mondriaan und nach der abstrakten Malerei noch erfinden, damit er wirklich etwas Neues hinzufügen kann? Eigentlich ist das unmöglich und das ist auch sichtbar, wenn man sich umblickt. Anfangs hatte ich keine blasse Ahnung von der abstrakten Malerei. Ich wollte eigentlich nur schöne Bilder malen. Dagegen ist doch nichts einzuwenden? Menschen sehen sich gerne Schönheit an, schöne Dinge, Dinge, die sich im Einklang miteinander befinden. Menschen, die Urlaub machen, wollen immer dorthin, wo es schön ist, sie suchen etwas, was Urgefühle anspricht, sie wollen Schönheit erleben.

Nach meiner Zeit an der Kunstakademie stellte sich heraus, daß darin doch meine Stärke liegt. Als ich 1967, nach meiner Militärzeit, selbständiger Maler wurde, arbeitete ich impres-sionistisch: Landschaften, Blumenarrangements, Porträts, aber daneben auch die ganz fein ausgearbeiteten Werke. Diese Gemälde lösten bei Laien, aber auch bei meinen Dozenten, die meisten Reaktionen aus. Sie sagten beispielsweise, daß dies doch wohl das charakteristischste Merkmal meiner Arbeit sei. Diese Reaktionen stimulierten mich, in dieser Richtung weiterzu-machen. Dennoch ist es merkwürdig, daß ich immer ein besonderes Interesse für die etwas impressionistischere Malweise behalten habe. Das ist auch aus der Gemäldesammlung hier im Hause ersichtlich. Der Nachdruck liegt dabei auf den Bildern, die im Vergleich zu meinem eigenen Werk im allgemeinen gleichsam von einem etwas breiteren Blickpunkt aus gemalt worden sind, mit einer etwas lockereren Pinselführung.


Glaube und Arbeit

Ich möchte vorweg sagen, daß ich mich überschätzen würde, wenn ich versuchte, meinen Glauben anschaulich darzustellen. So gut kenne ich mich selbst. Ich halte es auch nicht für nötig, denn die Schöpfung läßt sich als Gesamtheit betrachten, zu der sowohl der Mensch als auch die Ameise und die große Eiche gehören. Man braucht eigentlich kein erhabenes Thema als Ausgangspunkt für ein Gemälde. Es steht beispielsweise in der Bibel: "die Erde ist des Herrn und was darinnen ist". Damit wird genau angegeben, wie sich die Sache eigentlich verhält. Alles darf dazu gehören und gerade dieser Reichtum, zu dem auch alles "was darinnen ist" gehört, weist auf diese enorme Verschiedenheit hin, aus der das Leben besteht. Das eine braucht das andere und deshalb ist eigentlich alles geeignet, um als Thema zu dienen. Denn wenn man irgendwo einen Apfel oder eine Birne oder welche Frucht auch immer hinlegt, dann wird einem klar, welchen Einfluß das Licht darauf hat und wie das Licht die wahre Schönheit einer solchen Frucht betont. Dann ist diese Frucht im Kleinformat eigentlich genauso schön wie eine Berglandschaft. Deshalb meine ich, daß sich im Grunde alles als Thema zum Malen eignet. Ich werde niemandem davon abraten, eine schöne Idee zu malen. Jeder soll bestimmt das tun, von dem er überzeugt ist, es tun zu müssen. Aber ein Mensch kann auf so viele verschiedene Weisen seinen Gefühlen und Empfindungen Ausdruck verleihen. Ich glaube, daß das eine der Auswirkungen der Reformation ist. Vor der Reformation nahmen die Künstler religiöse Themen zum Ausgangspunkt. Aber als die Kirche nicht länger als der Auftraggeber der Künstler auftrat, was ja damals passierte, mußten sich die Künstler fragen, womit sie sich jetzt befassen sollten. Sie suchten nach neuen Themen, lasen die Bibel und das, was darin über die Schöpfung geschrieben steht, mit neuen Augen. Man darf nicht vergessen, daß das damals etwas ganz Neues war, der Laie hatte gerade erst lesen gelernt. Die Schönheit einer Wolkenluft und die Pracht einer Fernsicht oder eines Gegenstands ganz in der Nähe, das alles ist sehr lohnenswert.Deshalb bin ich sehr froh, daß wir an die Schöpfung Gottes mit ihrer gewaltigen Vielfalt und Vielfarbigkeit glauben dürfen.


Der Mensch als Träger eines Bildes

Wir sind nach Gottes Bild geschaffen. Wir schaffen Kultur. Wir haben einige Eigenschaften mitbekommen, die von "schaffen" abgeleitet sind: wir dürfen neugestalten. Ob es nötig ist? Ich weiß es nicht, aber es passiert, und der Mensch kann auf verschiedene Weise damit umgehen. Der Mensch ist in der Lage, die Wirklichkeit zu bereichern oder zu zerstören. Es ist ein merkwürdiger Prozeß. Der Mensch kann eine Stadt bauen und der Mensch kann eine Stadt zerstören. Der Mensch kann etwas sammeln und er kann es vergessen. Aber die Möglichkeit, das Leben zu verschönern, ist meiner Meinung etwas, was uns von Gott geschenkt wurde. Vielleicht ist es nicht unbedingt notwendig, aber zum Glück gibt es diese Möglichkeit.


Themen

Ich sage manchmal: Sachen, die etwas erlebt haben, werden nur schöner. Von einem gerade erst gegossenen Topf aus Bronze geht wenig Reiz aus. Die Form ist natürlich gut, wenn es ein guter Topf ist, aber die Haut des Topfes wird erst durch den Gebrauch schön. Oder der Topf wird verlegt oder gerät unter den Erdboden und bekommt durch die Einwirkung des Bodens gleichsam eine neue Haut. Diese Haut ist für einen Kunstmaler oft interessanter. Chinesische Gegenstände, die aus Gräbern stammen und manchmal mehr als 2000 Jahre alt sind, haben nur an Schönheit gewonnen. Ja, ich finde es wichtig, daß Dinge eine Geschichte haben, weil sie dadurch so schön geworden sind, also eigentlich dreht es sich um ihre optimale Schönheit. Die Oberfläche des Topfes hat eine schöne Farbe bekommen und die benutze ich. Aber ich habe auch Pappkartons bemalt, die gerade erst aus dem Laden mitgebracht worden sind und die noch nichts erlebt haben. Für mich sind sie jedoch von der Form her so interessant, daß ich damit auch etwas anfangen kann. Wenn sich der Betrachter ein solches Gemälde genau ansieht, dann sieht er, daß es keinen Karton gibt, der nicht einige kleine Mängel aufweist. Wäre das nicht der Fall, dann würde ich selbst dafür sorgen, daß sie doch ein wenig gebraucht aussehen. Gewissermaßen manipuliere ich die Dinge also selbst ein wenig. Und dadurch wird das, was ich male, natürlich auch etwas lebendiger. Ich male lieber einen wurmstichigen als einen für den Export vorgesehenen Apfel, denn der sieht meistens ganz langweilig aus: er ist zu rund, zu makellos und zu gleichförmig was die Farbe betrifft, das gefällt mir also nicht. Dieses malerische muß man natürlich maximal nutzen und ich würde es eigentlich auch nicht als einen Kunstgriff bezeichnen. Wer die Technik nicht beherrscht, kann eigentlich auch nicht zum Ausdruck bringen, wonach er im Innern strebt.


Kirchen

Das Schönheitsempfinden, das ich in der kleinen Welt eines Stillebens stark habe, ergreift mich auch in den schlichten Kirchen, die in der Romanik, in der Übergangszeit von der Romanik zur Gotik und in der Gotik entstanden sind. Insbesondere ihre Atmosphäre und vor allem die Kirchen, in denen der Bildersturm wenigstens ein paar Spuren hinterlassen hat. Kirchenräume ohne allzuviel Verzierung und Schmuckelemente. Ich kann mich noch gut an die kürzlich restaurierte Kirche in Loppersum erinnern, so wie sie ungefähr um 1960 war. Als ich damals den Raum betrat war ich tief beeindruckt von der Atmosphäre, die dort herrschte, von diesen weißen Mauern mit den Akzenten, diesen kleinen roten Akzenten, von den Überresten von Freskos, von dem hellen Eichenholz der vereinzelten Einrichtungsstücke, von dem Licht, das durch die Fenster fiel. Dieser Besuch machte einen tiefen Eindruck auf mich, ebenso wie mein erster Besuch der Kirche in Bozum in Friesland mit ihrer wunderschönen halbrunden Apsis. Ich hatte fast das Gefühl, als ob der Geist Gottes in den Gewölben anwesend war, es ergriff mich ein starkes religiöses Empfinden.Vielleicht könnte man das Malen von Kircheninterieurs mit der Darstellung der größten Demütigkeit vergleichen. Unter den neo-romanischen und neo-gotischen Kirchen des vorigen Jahrhunderts gibt es zwar technische Meisterwerke, aber es fehlt ihnen diese besondere Atmosphäre. Die Proportionen mittelalterlicher Bauten sind auf eine ganz eigene Weise sehr ausbalanciert, mit ihren weißgetünchten Mauern mit Rundbögen oder Spitzbögen, oft mit der Kreuzform, mit ihren nicht allzu vielen aber auch nicht zu wenigen Fenstern. So entstand eine Atmosphäre, die später eigentlich nie mehr übertroffen wurde. Als Maler finde ich es unheimlich faszinierend, darauf zu reagieren, etwas damit zu tun. Als ich das erste Mal die Pieterkerk in Utrecht betrat, hatte ich das Gefühl, in ein Gemälde von Pieter Saenredam hereinzukommen. Saenredam hatte wahrscheinlich dasselbe Gefühl, das ich auch jetzt noch, im zwanzigsten Jahrhundert, habe. Er hat auf seine Weise darauf reagiert und ich tue es auf meine Weise. Eigentlich ist es das, was ich als Maler gerne möchte, daß ich nur wenig hinzuzufügen brauche, um ein faszinierendes Gemälde zu schaffen. Ich möchte die visuelle Erfahrung eines Raums auf der ebenen Fläche wieder wachrufen. Ob es sich lohnt? Ich meine ja. Ein beschränkter Raum ist vielleicht eindrucksvoller als ein unendlicher Raum. Man könnte sagen, daß die Intimität eines Innenraums dazu reizt, etwas damit zu tun, weil die Lichtverhältnisse anders sind als draußen in der Natur. Das Licht fällt immer durch ein Fenster ein, so daß es nur stellenweise anwesend ist. Der konzentrierte Lichteinfall sorgt dafür, daß etwas gleichsam angeleuchtet wird. Wenn ich den Topf aus Bronze, an dem ich jetzt arbeite, draußen hinstellen würde, wäre er bei weitem nicht so schön wie hier drinnen. Woher das kommt? Durch das Fenster fällt ein wenig Licht auf den Topf, eine Stelle wird erleuchtet und eine andere Stelle liegt im Schatten; dadurch wird die Form eigentlich noch viel deutlicher hervorgehoben.

Das Interieur einer Kirche mit vielen Fenstern ist wegen der Vielzahl der Fenster niemals so schön wie eine Kirche mit wenigen Fenstern. Ich denke dabei beispielsweise an die Kirche in Monnickendam, von der ich selbst auch ein Gemälde gemalt habe. Diese Kirche mit dem Südschiff ist ein Musterbeispiel einer Kirche aus der Hochgotik am Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts. Sie hat viele große Fenster an der Südseite. Das Licht durchflutet das ganze Südschiff. Als ich das Interieur dieser Kirche malte, habe ich einige Fenster gleichsam zugemauert, so daß sich im Hintergrund des Bildes eine Konzentration von Licht befindet und an der Stelle, wo ich malte, eine Schattenpartie entstanden ist. Der Betrachter blickt aus dem Schatten ins Licht. In diesem Sinne muß der Maler also auch manchmal eingreifen und die Dinge ein wenig manipulieren.Die Kirche von Bolsward beispielsweise hat Seitenschiffe, so daß das Licht erst in das Seitenschiff fällt und dann gleichsam von den Pfeilern und Mauerflächen abgebremst wird, bevor es in das Kirchenschiff fällt. Im allgemeinen ist es so, daß sich eine kreuzförmige oder hallenförmige Kirche besser dazu eignet, gemalt zu werden als eine Kirche, die keine Seitenschiffe hat, keine kreuzförmige Kirche ist, weil es weniger Winkel gibt, die man benutzen kann. Denn gerade ein etwas schräger Einblick erregt Spannung. Auch - so fällt mir jetzt selbst auf - male ich ganz gerne von der Zentralachse aus: den Blick geradeaus in den Chor gerichtet, direkt auf ein Fenster, dadurch macht das Gemälde meiner Meinung nach einen sehr ausbalancierten Eindruck. Vielleicht hat das mit dem zu tun, was Mondriaan gemacht hat: jede Dramatik ist verschwunden und man sieht Horizontale und Vertikale, die mit Farbe ausgefüllt werden, und die Flächen, die dann übrigbleiben.


Zwischen Jan van Eyck und Mondriaan

In der Malerei gibt es Reaktionen, die präzise Wahrnehmungen sind und Reaktionen, die eher ein Gebilde der Phantasie des Menschen sind. Ein Maler wie Jan van Eyck hat nicht alles, was er sah, präzise dargestellt. Wenn man vor dem 'Lamm Gottes' des Genter Altars steht, und man sieht sich die Wiese und den Garten genau an, dann erkennt man dort mindestens 20 bis 30 verschiedene Pflanzen. Die hat er also wirklich registriert. Aber die Tatsache, daß diese Pflanzen nicht alle zur gleichen Zeit wachsen oder blühen, war für ihn weniger von Bedeutung. Er machte in seiner Komposition Gebrauch von den Farben dieser Pflanzen und stellte ein meisterhaftes Gleichgewicht zwischen der grünen Fläche und den anderen Farbflächen, wie beispielsweise den Mänteln der Bischöfe, her. Hier handelt es sich nicht um Nachahmung, sondern um eine persönliche Gestaltung der Wirklichkeit. Das macht Kunst so faszinierend, man kann sich auf so viele verschiedene Weisen damit befassen. Im vorigen Jahr war ich mit unserem Sohn in New York und haben wir uns während eines Besichtigungstags bei Christie's ein Gemälde von Mondriaan angesehen, das zwischen einigen Gemälden bekannter Impressionisten hing: es war als ob ich einen Schlag ins Gesicht bekommen hätte. Es war eines der schönsten Bilder von Mondriaan, die ich je gesehen habe: Vertikale, Horizontale, einige Farbflächen, aber derart phantastisch ausbalanciert, daß man einen Augenblick lang völlig sprachlos ist, aber ganz tief im Innern fühlt, was da los ist.


Maler des 20. Jahrhunderts

Die Historienmalerei und die Malerei mit biblischen Themen und mit allegorischen Darstellungen galten als die höchste Malerei. Landschaften und Stilleben standen auf einer viel niedrigeren Ebene, sie wurden bei weitem nicht so geachtet wie die Historienmalerei. Porträts entstanden fast ausschließlich im Auftrag, denn sie verliehen dem Auftraggeber Status. Ich kann mir keinen Maler des 17. Jahrhunderts vorstellen, dem es Spaß gemacht hätte, ein Gemälde im Stil eines Mondriaan oder eines abstrakten Malers zu malen. Das sind die Früchte der Entwicklung der Malerei: daß wir in maltechnischen Begriffen denken können, ohne daß uns dabei sofort eine Vorstellung vor Augen schweben muß. Eigentlich habe ich auf einiges zurückgegriffen und es mit den Errungenschaften des Denkens über die Kunst im letzten Jahrhundert kombiniert. Die Direktoren der Museen kennen mich im allgemeinen zwar, aber sie geben sich kaum Mühe, mein Werk besser kennen-zulernen. Seit den sechziger Jahren gibt es in den Nord-Niederlanden eine eigene neue realistisch-figurative Strömung, aber daran sind die Museen nicht interessiert und das ist eigentlich sehr merkwürdig. Es ist charakteristisch für die Niederlande, daß die meisten Museen nichts damit anzufangen wissen. Im 'Stedelijk Museum' in Amsterdam findet der Besucher kaum ein Werk eines figurativen Künstlers, es sei denn, daß dieser Künstler aus der Kunstgeschichte zitiert. Es gibt zur Zeit viele Maler, die auf die Kunstgeschichte reagieren. Sie nehmen ein Gemälde von Velazquez und verarbeiten es zu einem neuen Gemälde. Das Ergebnis ist in technischer Hinsicht oft zum Heulen, aber sie erwecken doch den Eindruck, als hätten sie etwas Neues versucht. Ein Maler wie Vincent van Gogh hat überzeugend gezeigt, daß es auch anders gehen kann: seine Bilder nach japanischen Drucken sind echte Bilder von Vincent van Gogh geworden. Hier in Westeremden haben wir eigentlich unser eigenes Museum geschaffen. Hier erfahren die Menschen etwas, was sie in Museen kaum erfahren. Ehrlichkeitshalber muß ich zugeben, daß es einige kleinere Museen gibt, die diese Werke durchaus kaufen und ausstellen.


Kunst und Fotografie

Ein Foto verliert im Laufe der Zeit seinen Reiz. Bei einem Gemälde ist es gerade die persönliche Übertragung der Wirklichkeit, die es so faszinierend macht. Der Maler legt den Akzent dort, wo er am besten zur Geltung kommt. Die Wirklichkeit bietet eigentlich ein Übermaß an Informationen. In der Malerei werden diese Informationen über das Gehirn und die Hände zu einer neuen gemalten Wirklichkeit verarbeitet. Es werden Entscheidungen getroffen, durch die die Aufmerksamkeit optimal auf die Atmosphäre, das Licht und die Dinge, auf die es auf dieser flachen Ebene ankommt, gerichtet werden kann. Stellen Sie sich vor, daß 'Die Vorsteher der Tuchmacherzunft' (De Staalmeesters) von Rembrandt ein Foto gewesen wäre. Es wäre bestimmt ein sehr schönes Foto gewesen. Rembrandt hat diese Gruppe von Personen in einem Augenblick der optimalen Konzentration auf alles gemalt. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Menschen, die dort eine Versammlung abhalten und kurz aufblicken, auf das Licht, das perfekt auf die Fläche verteilt ist, auf die Tischdecke auf dem Tisch, an dem die Männer sitzen, die jedoch keine Darstellung einer Tischdecke, sondern einer roten Fläche ist, bei der man nicht sofort denkt: welch eine schöne Tischdecke, sondern vielmehr: welch eine ausgeklügelte abstrakte Rolle spielt sie im Hinblick auf die schwarze Kleidung der Männer, die dort am Tisch sitzen, auf ihre weißen Halskrausen und schwarzen Hüte. Ein Foto kann das einfach nicht so registrieren. Außerdem wird ein Gemälde meistens in Schichten aufgebaut, so daß die Haut des Gemäldes eine bestimmte Fülle bekommt. Die Oberfläche eines Fotos ist glatt. Man sollte zwei unvergleichbare Kunstgattungen eigentlich auch nicht miteinander vergleichen wollen. Ein Foto ist ein Foto und ein Gemälde ist ein Gemälde. Wenn ich vor einem abstrakten Gemälde stehe, habe ich auch nicht das Gefühl, daß es eine Bearbeitung der Wirklichkeit sein muß. Es darf doch auch etwas dargestellt werden, was nicht sofort auf die Wirklichkeit Bezug nimmt. Manche Kunsttheoretiker behaupten: die Reaktion auf die Wirklichkeit finden wir eigentlich nicht relevant, sondern Kunst muß etwas völlig Neues schaffen. Dann müßte ein Künstler eigentlich wie Gott sein wollen, der nicht neugestaltet, sondern schafft. Die Ergebnisse dieser Auffassung, wobei kritiklos jeder neuen Mode gefolgt wird, finde ich nicht wirklich beeindruckend. Eigentlich steht die Idee hier an erster Stelle, die Idee bestimmt die Qualität und nicht die Weise, wie diese Idee ausgearbeitet wird.

Man braucht ja schließlich wohl ein Bild, denn man kann nichts ausrichten, wenn man nichts hat. Ein weißes Blatt Papier bleibt ein weißes Blatt Papier, solange man nichts damit macht. Auch ist es nötig, Dinge irgendwie wiedererkennen zu können, damit man sie einordnen kann, sonst wird nichts daraus. Nimmt man den Menschen zum Ausgangspunkt, dann kann man damit Verschiedenes tun. Man kann ihn als etwas unglaublich Schönes darstellen, aber auch als ein ekelhaftes Wesen, als ein gewaltig deformiertes Wesen, daß einem Angst einflößt. Alle diese Möglichkeiten gibt es, aber dafür braucht man wohl ein gewisses Maß an Erkennbarkeit.


Was ist ein gutes Gemälde?

Ein gutes Gemälde besteht für mich aus Harmonie, einer ausgezeichneten Rhythmik, einer guten Atmosphäre und einer faszinierenden Farbverteilung. Einerseits sind das alles technische Aspekte, aber andererseits geht es hier auch um die Summe dieser Aspekte, die die Qualität eines Gemäldes ausmachen. Ich strebe nach einer sehr hohen Qualität, aber es muß sich natürlich erst herausstellen, ob mir das auch gelingt. Dafür ist auch die Größe des Talents von entscheidender Bedeutung. Ich kann dazu nur sagen: ich tue mein Bestes, weil das nun einmal meine Art ist, damit ich mein Idealbild eines guten Gemäldes so gut wie möglich verwirklichen kann. Eine Wanddekoration, eine Verschönerung der Wand, das ist ein Gemälde zwar auch, vielleicht ist es sogar eine Verschönerung des Lebens, aber in einem Gemälde wird eine Welt heraufbeschworen. Ein gutes Gemälde ist mehr als Dekoration: es gibt Lichteinfall und subtile Nuancierungen, ja eigentlich passiert alles Mögliche auf einem interessanten Gemälde. Früher wollte ich Porträtmaler werden, weil ich die wunderbaren Porträts, die die Kunstgeschichte hervorgebracht hat, so bewunderte. Aber es ist wichtig, daß sich ein Künstler für seine Stärken entscheidet, womit er natürlich implizit angibt, daß er auch einige Schwächen hat, die er nicht im Griff hat. Es gibt zwar Alleskönner, diese genialen Menschen gibt es, aber dazu gehöre ich nicht. Ich muß mich auf einige Aspekte konzen-trieren und dafür meine ganze Kraft aufbieten. Einen Maler wie Rembrandt sehe ich als einen wirklich universellen Künstler und ich glaube, daß Picasso auch in diese Kategorie fällt, ebenso wie Matthijs Röling. Röling kann eine Landschaft, ein Porträt, ein Stilleben und Phantasien malen, er kann eigentlich alles, aber ich kann das nicht. Ich denke an jemanden wie Adriaen Coorte, einen Maler aus Zeeland, der im späten 17. Jahrhundert lebte. Er malte sein ganzes Leben lang nichts anderes als ein paar kleine Bilder mit einem Bund Spargel, ein paar Stachelbeeren, einigen roten oder weißen Johannisbeeren, ein paar Schmetterlingen, ein paar Muscheln. Kurzum, er arbeitete an einem ganz beschränkten Stoff. Aber wenn ich ins 'Rijksmuseum' in Amsterdam gehe, sehe ich mir nicht nur die Höhepunkte der Malkunst wie beispielsweise das 'Milchmädchen' (Het melkmeisje) von Vermeer oder 'Die Vorsteher der Tuchmacherzunft' (De Staalmeesters) von Rembrandt an, sondern dann besuche ich auch immer diesen Bund Spargel von Adriaen Coorte. Mit anderen Worten: auch ein kleines Talent kann sich zu voller Blüte entfalten.

Ich betrachte mein eigenes Werk als eine Fortsetzung einer jahrhundertealten figurativen Tradition. Allmählich habe ich mehr und mehr meinen ganz persönlichen Stil entwickelt und ich hoffe noch viele Jahre daran weiterarbeiten zu können.