HENK HELMANTEL

Scheinbar fein - Diederik Kraaijpoel

Der Artikel "Scheinbar fein" von Diederik Kraaijpoel ist dem Buch "Henk Helmantel" 2000, S.7-17, entnommen. 
Lesen Sie auch das Interview aus dem selben Buch.

This article in English

Henk Helmantel und ich kamen gleichzeitig in Groningen an. 1961 begann ich als Dozent an der Kunstakademie Minerva. Henk Helmantel hatte sich gerade als Student eingetragen. Ich reiste mit dem Zug von und nach Amsterdam, er mit dem Fahr-rad nach Westeremden, zwanzig Kilometer von der Stadt entfernt. Auch beim schrecklichsten Wetter war er morgens um halb neun anwesend, früher als seine Kommilitonen. Warum schaffst du dir kein Moped an? fragte ich ihn. Das ist im Winter zu kalt, erklärte er mir. Er hatte scheinbar eine ausgezeichnete Kondition. Er aß allerdings mittags auch einen turmhohen Stapel doppelter Butterbrote. 

Auf der Akademie wurden zwei Arten von Unterricht gegeben. Es gab die Wahrnehmungsstudien, bei denen der Nachdruck auf schnellem Skizzieren und der Direktheit der Pinselführung und Farbgebung lag. Eine Art Post-Impressionismus, jedoch basierend auf Kenntnissen in Anatomie und Perspektive. Man könnte dies das Erbgut der Renaissance nennen, selbstver-ständlich in einer Kurzform. Daneben gab es Disziplinen, die von der Moderne hergeleitet worden sind, etwas Bauhaus, abstrakte Farbstudien im Trend des Johannes Itten, Kollagen etc. Henk Helmantel nahm mit großem Animo an allem teil, aber es war von Anfang an deutlich, daß er sich am meisten zum klassischen Teil des Unterrichts hingezogen fühlte. 

Er war nicht nur rechtzeitig anwesend, er erwies sich auch als außergewöhnlich eifrig. Wenn ein anderer eine Zeichnung anfertigte, machte Henk Helmantel zwei. Sein großes Vorbild war Rembrandt, was ausgezeichnet zum Studium paßte, wenn es darum ging, wie man ein Gemälde plant: in großen Hell- und Dunkelpartien, ohne den Details und ausgearbeiteten Expressionen vorzeitig Beachtung zu schenken. Seine Werke aus dieser Zeit erinnerten mich, wenn ich jetzt darüber nachdenke, vielleicht noch am meisten an Breitner. Die postimpressionistische Farbanalyse, doziert von Evert Musch, lehrte ihn, daß ein Schatten keine neutrale graue Partie ist, sondern durchaus Farbe hat.

Wir Helmantel-Liebhaber wissen jedoch, daß das spätere Werk ganz anders ist. Darin werden gerade das Detail und die plastische Suggestion betont. Das hat er nicht auf der Akademie gelernt. War der Unterricht denn im Nachhinein betrachtet unzulänglich? Henk Helmantel glaubt das nicht, und so denke ich auch darüber. Jedes seiner Gemälde beginnt immer noch mit breiten Pinselstrichen, um dann so schnell wie möglich zu einem totalen Raumerlebnis zu gelangen. Erst im nächsten Stadium kommt die Ausarbeitung. Unter einem Helmantel befindet sich ein Breitner. Ich wüßte auch nicht, wie es anders sein könnte. Wenn man anfängt, Details aneinander zu reihen, bekommt man nie ein Ganzes. Die Qualität in Henk Helmantels Werk läßt sich ausser mit Talent und Intelligenz aus dieser traditionellen Arbeitsweise heraus erklären.


Feinmaler

Hier taucht ein terminologisches Problem auf. Man zählt Helmantel zu den Feinmalern. Es gibt sogar den Begriff 'Groninger Feinmaler', als deren Anführer er gilt. Man spricht wohl auch von altmeisterlichem Feinmalen, als ob diese Technik vorzugsweise den alten Meistern zuzuschreiben wäre. Diese Mißverständnisse sollten zunächst einmal geklärt werden. 

Zu Feinmalern müssen diejenigen gerechnet werden, die über die gesamte Fläche eine extreme Ausführlichkeit an den Tag legen. Dazu benötigt man tatsächlich sehr feine Pinsel. Van Eyck, Memling, Dürer, Bronzino sind Beispiele, die einem dabei zuerst einfallen. Aus dem siebzehnten Jahrhundert kennen wir Saenredam, Dou, van Mieris. Auch bei Helmantel, insbesondere in seinem frühen Werk, können Gemälde genannt werden, die über die gesamte Fläche extrem ausführlich ausgearbeitet wurden: beispielsweise 'Stilleben in rotem Schrank', ein extremes Beispiel eines Trompe-l'oeil, das beweist, daß diese alte Tradition noch lebendig ist und für den Betrachter noch genauso verblüffend ist wie es die Werke von Apelles für seine griechischen Zeitgenossen waren. Auf den ersten Blick ist das merkwürdig: wir sind doch an die präzise Wiedergabe von Fotografie und Film gewöhnt. Worüber sind wir dann so verblüfft? Über die Tatsache, daß diese Gemälde von Menschenhand geschaffen wurden. Wie können die Hände eines Menschen so etwas malen? Diese Reaktion ist durchaus verständlich. Wir betrachten ein Kunstwerk, damit wir etwas bewundern können, was wir selbst nicht können, und die Feinmalerei ist dafür ein Beispiel. Aber nicht das einzige. 

Die berühmtesten alten Meister, Namen wie Michelangelo, Tizian, Velazquez, Rubens, Rembrandt, Hals, Vermeer, Tiepolo oder Goya waren keine Feinmaler. Ihre Gemälde sind zwar ziemlich detailliert, sie waren im allgemeinen auch nicht schnell damit fertig, sie benutzten jedoch feine Pinsel nur an den wenigen Stellen, wo sie es für nötig hielten.

Das hat zu einer herrlichen Illusion geführt: da einige Passagen einen hohen Grad der Detaillierung besitzen, glaubt das Auge des Zuschauers, alles sei fein ausgearbeitet. Erst wenn man genau hinschaut, sieht man, wie man getäuscht wird. Heutzutage darf man in einem Museum nicht mehr nahe an ein Kunstwerk herantreten. Durch Wächter wird man auf Abstand gehalten. Daher glaubt der Kunstbetrachter heute mehr als früher, alle alten Meister wären Feinmaler gewesen.

Das hängt auch mit der großen Verbreitung der Reproduktionen zusammen. Darauf scheint alles minutiös dargestellt zu sein. Die Abdrücke in diesem Buch sind von sehr guter Qualität, und trotzdem suggerieren sie eine glattere Oberfläche als auf dem Original zu sehen ist. Die Farbhaut, die einer Malerei ihren größten und rätselhaftesten Charme verleiht, kommt bei einer Reproduktion nicht gut zur Geltung. Nur bei Bildern, die selbst in Wirklichkeit geringe Abmessungen haben, bekommt der Leser einen Eindruck von der Oberfläche. Von einigen Gemälden ist ein Detail beigefügt, das in diesem Zusammenhang lehrreich ist. 

Im zwanzigsten Jahrhundert ist ziemlich wenig Feinmalerei zu finden. Die Niederländer Ket, Willink, Koch, van Gelder, die Deutschen Schad und Tübke gehören zu den Ausnahmen. Berühmte Neo-Realisten wie Dix, Balthus, Casorati, Spencer und Hopper streben zwar nach plastischer Illusion, sie benutzen jedoch gröbere Pinsel. In Groningen wird das detailreiche ausarbeiten noch immer nicht an der Akademie gelehrt. In der Provinz steht diese Technik in der Malerei auf Sparflamme. Es gibt nur einige Absolventen, die sich nach ihrem Studium darin fortbilden. 

Die Suggestion der skulpturalen Plastik hat sich Helmantel ohne Lehrmeister zu eigen gemacht. Es lag nicht im Trend der heutigen Zeit. Zwar herrschte in den siebziger Jahren der Kult des Fotorealismus, dessen Einfluß jedoch für seinen Zweck unbrauchbar war. Das Prinzip dieses Stils ist ja, daß der Maler nicht nur das Motiv, sondern auch die Anordnung des Fotos übernimmt, mit all seinen Zufällen, einschließlich der Einschränkungen der Tiefenschärfe; Henk Helmantel hingegen strebt nach maximaler Harmonie. Die ist nicht in der Wirklichkeit zu finden, noch weniger auf Fotos dieser Wirklichkeit. Wo finden wir sie dann? In der Gemäldekunst früherer Generationen. Aber das Aufbauen auf den Grundlagen früherer Kunst war in den Anfangstagen von Henk Helmantels Karriere tabu. Übrigens ist es das auch jetzt noch, zumindest in den Niederlanden. Die prä-impressionistische Tradition wird nirgends mehr unterrichtet. Wer diese Richtung einschlagen will, muß sie selbst rekonstruieren.

Wie ging es denn nun weiter mit Henk Helmantel? Nach dem Abschluß seines Studiums hielt ich, wie zu vielen ehemaligen Studenten, noch weiter Kontakt zu ihm, als eine Art Nachsorge. Irgendwann am Ende der sechziger Jahre kam er einmal an meine Tür und drückte sich etwas geheimnisvoll aus: Ich möchte Ihnen etwas zeigen: Ich habe jetzt mit etwas Neuem begonnen. Und er packte einige minutiös ausgeführte Stilleben aus. Da gab es eine Komposition mit kleinen Muscheln, wie ich mich erinnere, die Dirk van Gelder in nichts nachsteht. 

Du leistest gute Arbeit, Henk, sagte ich. Ich glaube, daß Du damit einen großen Schritt vorwärts gemacht hast. Mach weiter so! Er hatte natürlich schon lange selbst den schmalen Pfad zum Heil gefunden, aber kam trotzdem bei einer Autorität nach dem bereits bekannten Weg fragen. 

In der darauffolgenden Periode von etwa zehn Jahren war Henk Helmantel tatsächlich damit beschäftigt, das Gemälde über die gesamte Oberfläche auszuarbeiten. Auch das Licht fällt, in den Fußspuren von Dick Ket, demokratisch gleichmäßig über die ganze Szene. Diese Werke sind keineswegs schlecht und haben ihre eigene Radikalität und Herbheit, sie repräsentieren jedoch noch nicht seinen eigentlichen Stil, wie wir ihn heute kennen.


Der Helmantelstil

Er erscheint um 1980. Die Formen bleiben tastbar plastisch, der Maler unterscheidet jedoch mehr denn je zwischen Haupt- und Nebensachen. Auf das eine fällt mehr Licht als auf das andere. Der Blick des Betrachters wird zu einigen Punkten hingezogen. Ein festes Rezept gibt es da nicht, wie aus dem Stilleben mit chinesischen Bronzen aus 1997 hervorgeht. Dort herrscht eine straffe, archaische Frontalität und alle Objekte ziehen die gleiche Aufmerksamkeit auf sich. Das weitgleitende Licht auf der Mauer zeigt uns jedoch, daß wir uns tatsächlich in einer späteren Stilepoche befinden.

Bei fast allen Werken muß man aus der Nähe betrachtet erkennen, daß man nicht mehr von Feinmalen sprechen kann. Wie bei so manchen alten Meistern wurde in der sekundären Partie die Farbe mit einem großen Schweinshaarpinsel aufgetragen, während die Ausarbeitung sich auf die Teile der Objekte konzentriert, die zu Hauptdarstellern erklärt wurden.

Um dieses Stadium zu erreichen, war ein Rekonstruktionsprozeß von fünfzehn Jahren nötig. Es ist wahrscheinlich, daß Willem Claesz Heda (1594-1682) als junger Mann schon nach etwa fünf Jahren Studienzeit bei seinem Lehrmeister dasselbe Niveau erreichte. Aber Helmantel wird nicht mißmutig bei diesem Gedanken, denn dies ist nun einmal der Preis, den man im Jahrhundert des 'versunkenen Lehrstoffs' zahlen muß. 

Das Nachdenken über die Verteilung des Lichtes könnte wohl mit dem zweiten festen Thema zusammenhängen, das mit dem Namen Helmantels verflochten ist: das Kircheninterieur. Die Wahl dieses Themas läßt sich leicht erklären, nämlich durch Helmantels religiösen Hintergrund. Aber durch diese Wahl stellten sich ihm ein paar kunstmalerische Probleme. 

Für einen Realisten, der nach der Wahrnehmung arbeitet, ist das Stilleben ein ideales Genre: Wir stehen vor einem beschränkten Raum von höchstens einigen Kubikmetern, in dem der Maler selbstgewählte Objekte an einer selbstgewählten Stelle anordnet und die Beleuchtung nach Belieben regeln kann. Während des Malens muß noch viel geschehen, vor allem muß die Farbe oft tüchtig nachhelfen, aber was soll's? Mit der Anordnung des Ensembles ist die Komposition größtenteils festgelegt. Und wenn einem eine Vase bei näherer Betrachtung doch nicht so richtig gefällt, ersetzt man sie eben durch eine Schachtel. 

Ein Interieur hingegen ist eine fertige Einheit, die man nicht leicht angleichen kann. Helmantel wählt selbstverständlich Räume, die seinem Bedürfnis nach Schlichtheit und Gelassenheit am meisten entsprechen (also kein Wohnzimmer mit herumliegendem Kinderspielzeug). Aber wirklich arrangieren kann man nur die vor Ort gefertigte Skizze oder das darauf basierende Gemälde. 

Noch wichtiger ist der Lichteffekt. Bei einem Stilleben kann man immer noch von Gegenständen sprechen, die beleuchtet werden. Während Henk Helmantels Hintergründe überwiegend dunkel sind, treten die wichtigsten Objekte hell in den Vordergrund. Die majestätische Plastik, die das Ergebnis davon ist, braucht ein Kontragewicht in der Farbe. Objekte werden aufgrund ihrer Farbunterschiede ausgewählt. Dieses Prinzip ist in der großen Stilleben-Komposition mit dem Mondriaan-Poster auf extreme Weise durchgeführt. 

In der Kirche besteht die entgegengesetzte Situation. Greifbare Dinge sind unwichtig. Das Thema ist der leere Raum, und dieser wird durch das Licht, das sich darin befindet, sichtbar gemacht. Die hellste Stelle ist nicht etwas, was in den Vordergrund tritt, sondern ein Fenster, das sich irgendwo an der Seite oder hinten im Kirchenraum befindet. Sich einen Innenraum vorzustellen erfordert daher eine äußerst sorgfältig aufeinander abgestimmte Wahl der 'Werte', das heißt, der gesamten Farbwerte. Man sieht denn auch in der Tradition der nördlichen Kircheninterieure, von Saenredam und de Witte bis Bosboom, keine großen, örtlichen Farbkontraste. 

Helmantels St. Joriskirche in Amersfoort ist ein Beispiel für ein Werk in dieser Tradition. Mehr noch als durch die Perspektivkonstruktion wird die Raumsuggestion durch die sanfte Verbreitung des Lichtes und die asymmetrische diagonale Komposition bestimmt. Die verfeinerten Nuancen in Hell und Dunkel wurden von Henk Helmantel während des Malens nicht wahrgenommen, denn seine Gemälde von Kircheninterieuren sind alle im Atelier hergestellt. Es ist somit eine Frage des Gedächtnisses, des räumlichen Vorstellungsvermögens und der großen Beispiele aus der Kunst.


Handwerkliches Können

Eine der sympathischen Seiten Helmantels ist seine strenge Rationalität in seinem Fachgebiet. Steht diese im Kontrast zu seiner reformatorischen Glaubensüberzeugung? Ganz und gar nicht. Es sind Vorteile einer monotheistischen Religion: wo sich Christentum befindet, ist kein Platz für Aberglauben. In diesem Fall wirkt sich das ganz günstig aus, denn die meisten realistischen Maler denken, daß den alten Meistern bessere Materialien zur Verfügung gestanden hätten als ihnen. Das ist jedoch nicht so. Abgesehen von Leinöl waren fast alle Materialien, die sie benutzten, unzuverlässiger als unsere, und nur ihre während vieler Generationen gesammelte Facherfahrung konnte sie vor Katastrophen schützen. 

Die modernen Abergläubigen sind jedoch der Meinung, daß man bei der Betrachtung alter Meister auch deren Technologie übernehmen müßte. Sie sind unaufhörlich mit Terpentinöl, Naturharzen, Kaninchenleim, Bienenwachs und selbsthergestellter Farbe beschäftigt. Da sie nicht wissen, wie die Maler früher ihre Materialien benutzten, resultiert diese Aktivität in einem vorzeitigen Verfall, in klebrigem Brei, Rissen, Abblätterung. Helmantel hat dies alles schnell eingesehen und benutzt die besten Materialien, die die moderne Technik ihm zu bieten hat. Er malt vorzugsweise auf wasser- und holzwurmbeständiger Holzfaserplatte, präpariert sie mit gewöhnlicher Alkydgrundfarbe, benutzt gute Fabriksölfarbe. Seine Gemälde befinden sich alle - auch die von vor fünfundzwanzig Jahren - in perfektem Zustand.


Ursprünglichkeit

In dieser Studie wurde wiederholt das Wort Tradition benutzt, sowie Beispiele wie Dick Ket, Heda, Seanredam. Es sind Namen aus dem niederländischen Bestreben nach Schlichtheit und Konzentration, was von dem niederländischen Schriftsteller Kousbroek der 'niederländische Zen' genannt wird. Diese und andere Meister, vor allem Floris Verster und Jan Mankes, werden von Helmantel mit Respekt genannt, und er gibt sich keine Mühe, ihren Anteil in seinem Oeuvre zu vertuschen. Sie werden fragen, wie steht es denn jetzt mit der Ursprünglichkeit des Künstlers? Diese gilt doch als wertvollster Aspekt der bildenden Kunst? Das niederländische Ministerium für Kunstangelegenheiten hat jahrzehntelang ausdrücklich wissen lassen, daß nur ursprüngliche Kunst subventioniert werde. 

In den letzten Jahren hat es da, wie ich es sehe, einen Umschwung gegeben. Beim intelligenteren Kunstbetrachter setzt sich langsam die Vermutung durch, daß etwas Ursprüngliches vielleicht etwas ganz Einfältiges sein könnte. So wie der amerikanische Architekt Phillip Johnson 1983 schon sagte: 'You can better be good than original'. 

In den Niederlanden ist man noch nicht so weit, aber es gibt Anzeichen, vor allem in jenen Sektoren der Kunst, die nicht subventioniert zu werden brauchen. Henk Helmantel hat mit seiner historisierenden Orientierung in Richtung alter Meister ungewollt seinen Beitrag zu dem geleistet, was heute in ver-schwommener Terminologie 'post-moderne Situation' genannt wird. Und eines der großen, zeitgenössischen Tabus, nämlich daß man in der Kunst nicht zurückgreifen darf, hat er mit seinen Werken ausgeräumt. In Technik und Wissenschaft ist nur eine Bewegung nach vorne möglich. Die Kunst dagegen besitzt auch einen Rückwärtsgang, und jeder seriöse Künstler wird diesen hin und wieder benutzen. 

Kunst lernt man nicht, indem man die Natur, sondern indem man die Verrichtungen anderer Künstler betrachtet. Jeder Maler hat ein paar Vorbilder oder Lehrmeister. Im Laufe seines Oeuvres wachsen deren Einflüsse, vermischen sich mit eigenen Erfahrungen und bilden gemeinsam ein erkennbares Konglomerat: den persönlichen Stil. Heute ist dieser eigene Stil das Ziel, das viele Künstler bewußt anstreben, aber in früheren Jahrhunderten kannte man diese krampfhaften Bestrebungen nicht. Wenn ein Werk dem eines anderen glich, war es auch gut. 

Trotzdem ist es oft aus guten Gründen möglich, ein Werk diesem oder jenem Künstler zuzuschreiben. Ein persönlicher Stil, so scheint es, entsteht von selbst. Man braucht eigentlich nichts dafür zu tun. Obwohl beispielsweise Meindert Hobbema alles von anderen Landschaftsmalern übernommen hat, kann man trotzdem in seinem Stil etwas Hobbema-artiges erkennen, was auch immer es auch sein möge. Es liegt wahrscheinlich an der Landschaft, dem Bildaufbau, der Farbstellung und anderen Dingen, deren er sich selbst nicht bewußt war, denn von Originalität hatte er noch nie gehört. 

Henk Helmantel hat wohl davon gehört und nimmt auch alles wahr, aber er hat nie absichtlich etwas dafür getan. Seine Originalität besteht darin, daß er der Originalität nicht nachstrebt. Nie hat er sich vor seine Staffelei gesetzt mit der Absicht, einen echten Helmantel zu malen. Und doch kann man sein Werk wie das von Hobbema auf einen Abstand von zwanzig Metern sofort erkennen.


Komposition

Ich las unlängst irgendwo, daß die realistische Malkunst international wieder gefragt ist. Das bedeutet, daß jetzt, im Vergleich zu der Zeit vor zwanzig Jahren, in den internationalen Kunstzeitschriften mehr Abbildungen von Stilleben, Porträts und Landschaften veröffentlicht werden, und daß auch die Galerien und manche Museen diesen Werken mehr Aufmerksamkeit schenken. In Wirklichkeit war die figurative Tradition natürlich nie ganz verschwunden, aber Tatsache ist, daß sie bei den Kunstliebhabern, also der kleinen Gruppe der Bevölkerung, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit Ausstellungen besucht, gegenwärtig größeres Ansehen genießt. 

Der Vorteil davon ist, daß wir besser vergleichen können, denn Henk Helmantel ist schon seit langem nicht mehr einzig in seiner Art. Es gibt mehrere Maler, die Respekt vor der Tradition, den richtigen Blick für die Wirklichkeit und eine feste Hand haben, und vereinzelt gibt es einen Maler, der ihn an Virtuosität übertrifft, Matthijs Röling beispielsweise. 

Es erhebt sich die Frage: wie kommt es, daß ich Henk Helmantel besser finde als die meisten anderen Maler seiner Generation? Ich glaube, daß er sich durch einen besonderen Aspekt, der in der Kunst eine Rolle spielt, auszeichnet: die Komposition. Ebenso wie früher während des Unterrichts muß ich diesen Begriff kurz erläutern. 

Das Wort Komposition bedeutet Zusammenstellung. In der Tat bestehen die meisten Bilder von Henk Helmantel aus einer Zusammenstellung verschiedener Sachen, aber dennoch ist das nicht der Kernpunkt. Es gibt nämlich auch genug Gemälde von ihm, auf denen nur ein Objekt abgebildet ist, beispielsweise ein toter Vogel. Aber auch dann reden wir von einer Komposition, und wir meinen dann das Verhältnis zwischen dem Objekt und dem umringenden Raum oder das Verhältnis zwischen der gesät-tigten Farbe und einem grauen Hintergrund. In Helmantels Werk ist dieses Verhältnis immer einfach, übersichtlich und harmonisch. 

Die Komposition wird bei den Realisten immer wieder bedroht, weil die Wirklichkeit selbst so ungeordnet ist. Ehe man sich's versieht, hat sich das Chaos schon eingenistet. Henk Helmantel gelingt es, durch strenge Ordnung diese Gefahr abzuwenden. Ich halte das für sehr wesentlich. Komposition ist nicht nur eine schöne Nebensächlichkeit: ich glaube, daß sie das Wesen der Kunst ist. Auf gelungenen Gemälden sehen wir eine Welt, die frei von Zufall und Willkür ist. Es ist, als ob alle Bestandteile erst jetzt ihren endgültigen Platz und ihre endgültige Form bekommen haben. Hier stehen sie, sie können nicht anders. 

Ich gebe sofort zu, daß dieses kompositionelle Vermögen nicht alleinseligmachend ist. Es gibt Gemälde von Kokoschka oder Ensor, die ein wenig zusammenhanglos oder sogar leicht chaotisch aufgebaut sind, und die trotzdem sehr ansprechen. Aber sie erregen Heimweh nach etwas anderem, nach Kunst mit einer Suggestion der Vollendung. Die Tatsache, daß es Henk Helmantel gelingt, die Vollendung zu suggerieren, macht ihn außergewöhnlich.